Horch auf alte Tugenden: Fahrbericht Audi A3 8V

Im Augenblick ist Audi eindeutig die Marke für Modebewusste. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts begann man mit Hilfe von Singleframe-Grills und dynamisch geformten Leuchten eine neue Ästhetik für die Marke zu schaffen. Nur: Design allein kanns auch nicht sein! Vielmehr profitiert Audi stark durch die Kombination mit dem, was der Englischsprechende als „Corporate Identity“ bezeichnet und damit eine definierte produktübergreifende Wiedererkennbarkeit meint. Das lässt sich ganz gut anhand eines anderen Phänomens erklären.

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Ganz ähnlich funktioniert das nämlich bei Apple und dem IPhone. Als dieses 2007 präsentiert wurde gab es bereits Smartphones, sogar welche bei denen man über einen berührungsempfindlichen Bildschirm auf Programmicons tippt. Das Novum bei Apple war und ist aber seither, dass man die nützliche Technik in eine Art Alltagsbegleiter verpackt, der an sich formschön und auch haptisch ist, und dadurch gleichermaßen zum Schmuckstück, wie zum Statussymbol wird. Dies ist auch heute noch aktuell. Seit Generationen gibt es andere Telefone die mindestens genauso viel können, wie die Iphones, aber wesentlich günstiger sind. Trotzdem gilt das designkonzeptionell unveränderte Appleprodukt als Inbegriff aller Smartphones, das unzählige Menschen einfach gerne haben wollen. Wohl kaum besitzt jemand nur eines, weil er einfach nur ein Telefon haben wollte.

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Dieses Verhältnis von Apple zum Rest der Welt trifft sehr genau auf Audi zu.

Leicht erkennbar ist die „Corporate Identity“, die jeden Audi sofort als solchen erkennbar macht. Optisch funktioniert das mit dem Singleframe-Grill, der prägnant ein optisches Zentrum für die stets kantige Front liefert, sowie zackig-grimmigen Frontscheinwerfern mit stets moderner Leuchtgrafik à la Autobahnschreck. Audi nennt es in einer aktuellen Broschüre selbst „technoid sportlich“. Ebenso gehören dazu die breiten und flachen Heckleuchten, die jedem Audiheck eine kräftige Schulter verleihen. Dazwischen befindet sich meist eine gebogene Fensterlinie, die auch bei Limousinen stets in einem Dreiecksfenster der C-Säule endet.

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Zudem hat man sich einen Ruf für äußerst wertige Innenräume aufgebaut, die mit toller Haptik verwöhnen.

Das ist gewissermaßen, wie der runde Frontknopf am Iphone das Grundrezept für das Audidesign.

So richtig populär wurden Audis aber erst, seit dieses Grundrezept immer dynamischer gezeichnet wurde. Man merkt, dass jeder Vertreterkombi aus Ingolstadt (Mittlerweile ist ja ein schwarzer Firmen-A4 Avant beinahe so uniform geworden, wie der sog. „Businessanzug“…) im Rückspiegel dreinblickt wie Darth Vader an einem schlechten Tag. Besonders die Scheinwerfer wurden immer grimmiger und beinahe überzeichnet. Steigende Verkaufszahlen beweisen dabei allerdings die Popularität.

Was aber steckt dahinter? Was macht einen Audi eigentlich aus? Wo bleibt der Vorsprung durch Technik?

Diese Fragen lassen sich nämlich nicht nur mit Verkaufszahlen und dynamischer Optik erklären. Böse gucken können andere Autos auch.

Um das zu Zeigen habe ich mir diesen Testwagen ausgesucht. Es handelt sich um einen A3 1,6 TDI mit 110PS und fünf Türen. Er hat ein paar gute und vernünftige Extras, z.B. Tempomat, MMI mit Navi, MuFu-Lenkrad (dummerweise unten abgeflacht) und sogar ein heute immer selteneres Schiebedach, gepaart mit der etwas gehobenen Ausstattungslinie Ambition. Ein ordentlicher Vernunftkauf sozusagen. Listenpreis: knapp 33.000€. Zum Vergleich dazu habe ich im Konfigurator von VW einen Golf zusammengestellt, der recht genau die gleiche Ausstattung, sowie den selben Motor hat. Der liegt bei knapp 29.000€ und ist dabei einen Hauch geräumiger und durch Gewichtsersparnis etwa einen halben Liter sparsamer. Es bleiben uns also rund 4000€ Spielraum, um auf die Suche nach dem Vorsprung durch Technik zu gehen, den Audi stolz als Slogan anführt.

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Nun wäre es eine abgedroschene Stammtsichweisheit, zu sagen, das sei Unsinn und man kauft sowieso nur einen teureren Golf.

Richtig ist immerhin, dass beide Konzernbrüder auf ein- und derselben Plattform stehen. Schon hier beginnen aber die Unterschiede. Während ein Golf wie gewohnt absolut neutral, unaufgeregt, fast schon zu perfekt Kurven umrundet und Lenkbewegungen beinahe digital leichtgängig verfolgt, bewegt sich der A3 spürbar straffer mit direkterem Ansprechverhalten. Treibt einen dann die Lust zur Kurvenhatz stellt man fest, dass das Handling des A3 wunderbar ausbalanciert ist. Wer es nicht auf die Spitze treibt, meint, dass der Audi sogar eine minimale Übersteuerneigung hat. Zumindest fühlt er sich so aktiv an, als würden die Hinterräder in Kurven genau die Spuren der Vorderräder verfolgen. Beim Fronttriebler ist die Hinterachse dann gut gemacht, wenn sie im Grunde gar nicht mehr zu spüren ist. Das erfüllt schon der einfache A3 mit Bravour, und das obwohl im 1,6 TDI nur die einfachere Verbundlenkerachse aus den schwächeren Golfmodellen verbaut ist, die auf Mehrlenkertechnik verzichtet. Hut ab! Auf Augenhöhe sind da bestenfalls die flotteren Ford Focus. Der Plattformbruder Seat Leon kann das zwar auch, aber mit der Golfartig leichten Lenkung fühlt er sich bei weitem nicht so harmonisch an. Wer am Lenkrad des A3 dreht spürt, was er macht – einfach, aber erheblich.

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Klar kann es auf schlechten Straßen im A3 dadurch ein klein wenig holpriger werden. Dafür liegt er aber z.B. auf der Autobahn besonders satt, und suggeriert dieses positive Gefühl von Schwere, dass sonst erst in der Passatklasse beginnt.

Hier spielt der kleine Ingolstädter seine Rolle als Audi also perfekt. Ein erwachsener Reisewagen, emotionaler Fahrbar, als ein Golf und dennoch leichtfüßiger als ein klein motorisierter BMW 1er. Bei letzterem ist das echte Sportfahrerherz natürlich glücklicher, wenn mehr PS drinstecken. Mit einem vergleichbar kleinen Dieselmotor kann aber gerade der aktuelle 1er den berüchtigten Gummikuh-Effekt, den schwächere BMWs durch Massenträgheit usw. oft haben aber nicht verbergen.

Motormäßig ist die für Volkswagen-AG Verhältnisse noch recht frische TDI Generation mit 1,6 Litern bereits als sehr harmonischer Motor bekannt. In der Tat drehen die hier verbauten 110PS wunderbar homogen hoch, und sind dabei so geschickt übersetzt, dass der A3 bis einschließlich Landstraßentempo immer sehr zügig unterwegs sein kann, ohne sich anzustrengen. Laufruhe und Verbrauch sind über jeden Zweifel erhaben. Wer nicht gerade ausschließlich im Stadtverkehr fährt, ist ohne besondere Aufmerksamkeit mit 4,0-4,2 Liter/100km unterwegs. Sparfüchse schaffen tatsächlich auch die Drei vorm Komma. Die homogene Drehmomentkurve funktioniert faktisch bestens. Es wäre eine reine Geschmackssache, einen schlagartig kurzen Turbopunch zu favorisieren, wie z.B. beim seeligen 1,9TDI, oder auch aktuellen Fordmotoren.

Es bahnt sich also das Gefühl an, bei dem man merkt, dass Audi tatsächlich noch immer mit einer besonders guten Machart punktet. Was das eben erwähnte Kapitel Fahrwerk angeht, kommt das nicht von ungefähr. Immerhin arbeiten hochkarätige Ingenieure in Ingolstadt auch daran, Baukastenbestandteile aufs allerbeste abzustimmen.

Diese Liebe zum Detail ist tatsächlich spürbar. Man findet sie auch außerhalb, z.B. bei den Spaltmaßen der Karosserie. Waren diese schon beim ersten A3, dem 8L verschwindend gering, so fühlen sich mittlerweile auch bewegliche Teile, wie Hauben und Türen sehr hochklassig an. „Leichtgängig-Wertvoll“ kann in dieser haptischen Kombination Audi deutlich besser, als z.B. BMW. Leider wird dies im klassischen Autotest viel zu selten benannt. Besäße ich einen solchen Audi, würde ich mich aber sicher jeden Tag über diese Kleinigkeiten freuen.

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Überall zu lesen ist natürlich von der Audi Paradedisziplin, dem Innenraum. Es gilt das gleiche, wie für die Karosserieverarbeitung, sowie die Adaption der VW-Baukastenteile. Man kann hier nicht mal mehr von Spaltmaßen sprechen, sondern höchstens von Materialübergängen. Wer sein Parkhausticket nach der Schranke schnell wohin stecken möchte, ist hier ganz klar aufgeschmissen. Auch hier kann der Käufer schließlich spüren, was dem Tester eher egal ist: Selbst ohne Extras sind Materialanmutung, Geräuschkomfort usw. auf Oberklasseniveau. So richtig kann das in der Kompaktklasse nur Audi, obwohl das Cockpit rein optisch vielleicht sogar etwas weniger elegant wirkt, als das des Golf 7. Spätestens wenn der aufpreispflichtige MMI-Bildschirm oben aus der Armaturentafel fährt, staunt wohl jeder. Ein anderes Beispiel ist die vorzügliche Tonqualität schon bei der einfachsten Radioanlage. Nichts fühlt sich an, als wurden Abstriche gemacht. Auch das volldigitale Kombiinstrument wird in Zukunft noch Erwähnung finden. Leider hatte ich bis dato noch keinen Testaudi, um es selbst auszuprobieren. Bei der Präsentation des TT habe ich allerdings (im Stand) einen recht positiven ersten Eindruck davon bekommen. Das konventionelle, hier verbaute Kombiinstrument ist selbstverständlich bestens ablesbar. Schade finde ich allerdings immer wieder, wenn Tankuhr und Thermometer nur in Leuchtbalken ausgeführt sind. Immerhin: Letzteres ist noch nicht weggespart worden.

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In solchen Fahrberichten ist es immer ein wenig plump, wenn man den Testwagen nur mit Vergleichen erläutert – Erst recht, wenn das Referenzfahrzeug immer der Golf ist. Hier ging es aber leider nicht anders. Erstens, weil ich den Unterschied zum Plattformbruder aufzeigen will und zweitens, weil meines Erachtens ein großer Teil der derzeitigen Audiverkaufszahlen nur auf Design und Image zurückzuführen ist. (So schätze ich es zumindest ein.)

Hier schließt sich nämlich der Kreis zur eingangs erklärten Corporate Identity und zum standardisiert uniform wirkenden Dienst-, oder Leasing A4 Avant in Schwarz. Von Trends lasse ich meinen Geschmack eigentlich nie beeinflussen. Darum bleibe ich als Fazit bei meiner Frage, ob der hohe Preis auch wirklich einen Vorsprung durch Technik mit sich bringt.

Überraschenderweise ja. Ich bin tatsächlich davon überzeugt. Wer einen verhältnismäßig hohen Preis für ein Auto zahlt, was nicht mehr kann, als andere und dabei noch weniger Platz bietet, als ein Golf, der findet auch neben dem Image noch Gründe zum Audi. Derjenige ist auch nicht darauf angewiesen, einen anspruchslosen Einkaufswagen für den Alltag zu fahren, sondern benötigt eher hochklassiges Fahren in kompakten Ausmaßen.

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Audi stellt in den jeweiligen Modellen also Standardgrößen dar, die nicht immer den meisten Nutzwert bieten, aber dafür stets einen sehr hohen Wohlfühlfaktor. So ein A3 TDI ist zum Beispiel ein hervorragendes Pendlerauto, für Menschen, die auf dem Land wohnen, und per Landstraße zur städtischen Arbeitsstrecke pendeln. Die souveräne Ruhe eines großen Wagens für hohe Geschwindigkeiten auf der Autobahn wird nicht benötigt. Ein standesgemäßer Abrollkomfort auf schlechten Straßen allerdings schon. Genau hier liegt die Rolle des A3. Alle anderen kompakten Konkurrenten haben anders orientierte Qualitäten. Daher sehe ich auch kaum einen Nutzen, ihn mit dem sportlichen S-Line Paket auszurüsten. In der Kurvenhatz ist schon das Standardfahrwerk vorzüglich, und Sportsitze kommen auch schon ab der ersten Ausstattungsebene. Eine Tieferlegung und ein Dreispeichenlenkrad können also meiner Meinung nach nirgends zur Aufwertung beitragen.

Mein Favorit wäre also ein gut ausgestattetes „Kassengestell“. Angenehme Extras sind immer schön zu haben, aber ich sehe nie den Sinn, einen Audi unterhalb der 300PS Grenze auf sportlich zu trimmen.

Fazit:

Wer komfortabel gefedert hinter vierspeichig-formschönen Lenkrädern (am liebsten rund) sitzt, kann den Wert seines Audi am meisten genießen. Der A3 zeigt auf, wie wunderbar das auch in der Kompaktklasse funktioniert. Der Vorsprung ergibt sich durch ganz normale Technik, die einfach besonders gut gemacht ist. Alles darüber hinaus ist Geschmackssache.

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2 Kommentare zu “Horch auf alte Tugenden: Fahrbericht Audi A3 8V

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