Meine rosarote Brille ist violett! Blick auf meinen W210.

Dieser Blog ist ja sehr persönlich verfasst. Ich habe mich vorgestellt, habe meinem ehemaligen Golf Cabrio eine kleine Hommage gewidmet und verpasse auch sonst allem meine ganz subjektive Meinung, was nicht niet- und nagelfest ist. Dem, was mich aber tagein, tagaus im wahrsten Wortsinne bewegt, habe ich im Blog bisher höchstens die ein oder andere kurze Erwähnung geschenkt.

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Ich rede hier ganz ausschließlich von meinem Wagen.

Er ist ein Mercedes-Benz, der groß ist und angemessen motorisiert. Er ist nicht einfach ein Auto, das mich von A zu B bringt, sondern ein Wagen, der dafür sorgt, dass ich mich auf jede Strecke freue, und dass ich liebend gerne meine Fahrstrecke noch mit Abstechern von C bis Z verlängere. Er bedeutet mir sehr viel und ist mein treuer Kumpane, der wie ein wirklicher Freund stets ein Gefühl der Sicherheit und Zuversicht mit sich trägt. Er macht noch immer den Stolz spürbar, der sich in den Augen der weltbesten Ingenieure spiegelte, als man ihn im April 2000 von Sindelfingen aus in die weite Welt schickte. Er wiegt einen in wohligem Wissen, verschiedenste Fahrsituationen mit unübertroffener Souveränität zu meistern. (Von hierarchisch höhergestellten Fahrzeugen mit Stern abgesehen.)

Ich bin hauptsächlich nur Student. Ich bin statistisch weit weg von dem Kundenkreis, den er einst bedienen sollte. Ich kann ihm höchstens im Winter ein Dach überm Kopf bieten. Ich fühle mich manchmal nur ein Bisschen wie geduldet in meinem Ledersessel…

Wie passt das zusammen? Erstaunlich gut!

Das liegt zu einem großen Teil daran, dass sich die E-Klasse der Baureihe 210 derzeit in diesem kulturellen „Tal des Todes“ befindet, was jeder gutbürgerliche Großwagen (Großbürgerlicher Gutwagen wäre auch toll!) irgendwann durchmacht. Die Anschaffungskosten werden je nach Zustand beinahe lächerlich niedrig, die auch heute noch oberklassigen Unterhaltskosten werden durch Weglassen von Pflege einfach ignoriert. Die technische Robustheit, sowie die Sparsamkeit der Dieselmotoren sind sein festes Schuhwerk auf dem Weg in die düstere Welt der Verbrauchtwagen. Diese sieht man derzeit leider sehr oft. Unter Dreck- und Nikotinschichten völlig versiffter Innenräume verbergen sich noch heute feinste Hölzer, oder Leder, in dessen Nähe die allermeisten Neuwagen von heute niemals kommen werden. Wagen, die einst mit großem Blumenstrauß für die Dame des Hauses an glückliche Familien übergeben wurden und die schon mehrmals mit Stolz und Selbstverständlichkeit die Hunderttausenderstelle im Kombiinstrument gewechselt haben, dienen heute oft den Ahnungslosen, deren Intelligenz nicht für das gerade Aufsetzen einer Baseballkappe ausreicht, die wohl aber bestens in der Lage sind, kluge Komfortfunktionen durch ein permanent voll getretenes Fahrpedal sinnlos zu machen. Wenn bei denen tatsächlich noch Geld in den Unterhalt des Fahrzeuges fließt, dann für den Einbau fehlfarbiger LED-Leuchten, anstatt in lebenserhaltende Maßnahmen gegen Rost oder Verschleiß.

Das ist die Krux einer angejahrten E-Klasse. Es handelt sich noch immer um einen „dicken Benz“. Das genügt für viele modisch denkende Menschen, ihn von vornherein als alte Prollkarre generell abzulehnen und bietet in Folge dessen eine noch einfacher zu erreichende Basis für andere Menschen, deren Fahrkultur sich auf „dicke Hose“ beschränkt. Leute, denen Autos generell nicht wichtig sind, sind oft verblüfft, dass ein „so altes“ Kraftfahrzeug dann doch so viele moderne Dinge kann. Ich fuhr mal jemanden, der, als ich routiniert den Heckdeckel per Schlüssel in der Hosentasche hochschnellen ließ, meinte: „Das ist ja viel mehr Luxus, als man erwartet!“. Der Kenner weiß, dass diese einfache Funktion zur absoluten Grundausstattung einer solchen Limousine gehört. Wer Oberklassewagen für sinnlos hält, der hat solche Nettigkeiten eben nie erlebt. Im Zuge dessen wird hingegen anderen Details gar keine Achtung geschenkt. ‚Ne Klimaautomatik haben heute viele Polos auch. Die im W 210 misst dabei aber Luftgüte, den Stand der Sonne, den Bedarf nach Umluft, oder kann stinkiger Außenluft mittels Aktivkohlefiltern Herr werden. Das können sogar seine Nachfolger nicht. Von allem mal abgesehen: Gerade im heißen Sommer säuseln einem viele Neuwagen höchstens ein nettes Lüftchen um die Nase, verglichen mit meiner fahrenden Klimazone. Die im Daimler verbaute Kälteanlage schafft es, bei voller Leistung Kondenswasser an die Luftaustrittsdüsen zu zaubern. Auch bei 40°C Außentemperatur kann sie derart „fies-kalt“ pusten, dass man die Automatik doch lieber ganz unauffällig die gewünschten 21°C herstellen lässt, während man in neuzeitliche Marktbegleiter einsteigt und resigniert alles auf volle Kanne stellt.

Ich könnte etliche Details als Beispiel anführen, denen einfache Automobilisten einer 11-20 Jahre alten E-Klasse kaum Beachtung schenken. Ich bin da anders. Ich erfreue mich an jedem Bauteil, das zur absoluten Perfektion hin entwickelt wurde. Immerhin können doch einige Menschen aus meinem näheren Umfeld meine kindliche Begeisterung ansatzweise verstehen. Allein das macht mir schon Freude.

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Was meine Einstellung zu diesem Wagen angeht, ist meine entsprechende Meise schon eine ganz besondere. Die meisten Rückbänke meiner Kindheit waren in mehreren W124 und 201 verbaut, eine sogar im W126, der meisterhaften S-Klasse der 80er Jahre. Alle waren sie aber nur recht sparsam ausgestattet. In diesen Baureihen fühle ich mich unschlagbar zuhause. Trotzdem kam eines Tages, als ich schon lange vorne sitzen durfte, ein gemopfter (bei einfacheren Autos heißt das Facelift) W210 in die Garage meines Elternhauses in der rheinischen Provinz. Ein mittelmäßig ausgestatteter Vierzylinder, aber eben nagelneu. Allein das lederne Multifunktionslenkrad beeindruckte mich tief. Diese ganze hochmoderne Elektronik, die versteckte indirekte Beleuchtung, die dem Ambiente bei Nachtfahrten dient, der spacige Schlüssel, der eigentlich gar kein Schlüssel mehr war… ich war hin und weg. Öfter als normal besorgte ich mir Vaters Autoschlüssel, um mich ehrfurchtsvoll auf den Fahrerplatz zu setzen und die Tiefen des Comand-Bordcomputers zu durchforsten. Diese Limousine wurde nach einiger Zeit durch ein noch deutlich opulenter ausgestattetes T-Modell als 270 CDI ersetzt. Prachtvolles Andraditgrün Metallic hüllte regenwaldig den Innenraum ein, der in der hinreißenden Leder-Sonderfarbe „Java“ bei mir für stark erhöhten Speichelfluss sorgte. Meine eigenen Fahrerlebnisse beschränkten sich seinerzeit auf das Ausparken aus der Garage hinein in die Einfahrt, um eine Wagenwäsche vorzunehmen, die ich niemals als „Arbeit“ empfand. Kurzum: Dieser 210er stellte für mich das absolute Ultimum dar. Ich dachte damals nicht an die herrliche S-Klasse (W220) oder den noch moderneren E-Nachfolger (W211), der seit kurzer Zeit auf dem Markt war. Die kannte ich nur aus dem Schauraum des uns angestammten Mercedeshändlers und konnte sie mir im echten Leben noch gar nicht vorstellen.

Nun ist es mir also, nach (in meinen Augen) lächerlichen 8 Jahren nach dieser Zeit, selbst möglich, ein solches Auto zu fahren. Mein Wagen war verhältnismäßig teuer, aber auch überdurchschnittlich gut im Zustand, gerade im Hinblick auf dieses feine kleine Rostproblem(chen), was ja den Bestand an gebrauchten Mercedessen deutlich reduziert hat. Man hatte ihn bereits im ersten Lebensjahr dick mit Hohlraumwachs versiegelt, was Wunder wirkte. Leider war der greise Erstbesitzer des Wagens auf merkwürdige Weise umsichtig. Offenbar legte er Wert darauf, auch wirklich jede Stelle vom Lack mit der kratzigen Polierwatte von vor dem Krieg blankzuschrubben, und vergewisserte sich durch häufige Kontaktsuche beim Parken davon, ob er auch wirklich am Ziel angekommen war. Die verbaute Parktronic sah er dabei wohl eher nur als Empfehlung an. Auf nur 56000Km jede Ecke des Wagens mindestens einmal angekratzt zu haben ist schon eine Leistung.

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Immerhin, der Wagen erfuhr Liebe und kam aus behütetem Hause. Die Ausstattungslinie Avantgarde kommt geschmackvoll in der ihr vorbehaltenen Sonderlackierung „Violan“ (339) daher, trägt anthrazitenes Leder, Klimaautomatik und die gerngesehenen Nettigkeiten der Oberklasse. Lediglich beim Radio beschränkte man sich auf das serien- wie unzeitmäßige Kassettenradio „Audio 10 CC“. Das habe ich flugs durch die originale CD-Version ersetzt, die sich als Snob entpuppte, nur originale CDs mag, diese dann aber in feinster Qualität aus den wirklich wunderbaren Originallautsprechern zu Gehör bringt. Außerdem wurde gourmethaft der größtmögliche Dieselmotor mit einem Schaltgetriebe kombiniert. Das mag manchmal im Stadtverkehr oder Stau nervig sein, fährt sich aber dennoch exquisit und ist wirklich selten. Auch der abnehmbare Agrarhaken erwies sich als äußerst nützlich, zumal durch das hohe Motorendrehmoment bisher kaum ein Anhänger wirklich spürbar war. Auch ein ganzes Segelboot nebst doppeltem Anhänger habe ich damit bereits äußerst entspannt gezogen.

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Entspannt ist genau das Wort, auf das die meisten Versuche, ein derartiges Fahrzeug zu beschreiben, hinauslaufen. Logisch ist eine nette E-Klasse ein vortreffliches Autobahnfahrzeug, um schnell, sparsam und sorglos Kilometer zu machen. Moderne 5er BMW oder Audi A6 können das auch. Trotzdem gefällt mir die schiere Art und Weise auf die mein „alter Diesel“ das erledigt besser, sogar besser als bei flammneuen Autos der Marktbegleiter. Natürlich muss man mit der Zeit gehen. Neue Technik ist durch alte selten zu schlagen; auf dem Papier wird ein W210 schon lange von den Nachfolgern seiner Klasse in die Tasche gesteckt. Allein Fahrerinformationssysteme oder das Infotainment sind ein Witz, verglichen mit modernen Pendants.

Eines jedoch lässt sich über alle Generationen vergleichen, nämlich der Wohlfühlfaktor.

Schließt man einen neuen Oberklassewagen auf, so macht es laut und vernehmlich „SCHLACK“. Kurze Zeit später tippt man dann auf einen Plastikknopf, um den Motor anzulassen.

Macht man das gleiche mit meinem Auto landet man sofort in einer ganz anderen Geräuschwelt. Wer andächtig lauscht, hört zunächst diese altschwäbische Empfangsmelodie, die beim Aufschließen über Jahrzehnte erklang. Sie besteht eigentlich nur aus dem ganz sanften Ge“plopp“e, das jeder einzelne Türverriegelungsstift pneumatisch der Reihe nach von sich gibt, sowie zuletzt aus Demselben des Tankdeckels. Dann umfasst man den Griff der Fahrertür. Er liegt schwer in der Hand und füllt diese so ziemlich aus. Er lässt sich völlig spielfrei ziehen, was eigentlich auch nur Mercedesse wirklich können, und gibt auf halben Weg mit einem deutlichen „Bonk“ das Schloss frei, woraufhin sich die Tür öffnet. Allein dieses Geräusch ist bereits imposanter als das Schließgeräusch vieler anderer. Zieht man die Tür dann hinter sich zu, erfordert das Schließen genau jene Kraft, die der Schwung des schweren Karosserieteils schon mit sich bringt. Das klingt dann nicht ganz so tresorartig wie alles aus dem Dunstkreis der 126er-Ära, sondern -„womms“- eher ein wenig mehr wie in Gummi gepackt. Schlüge man einen großen Humidor mit Gewalt zu, so klänge dies vermutlich ähnlich. Statt eines wackligen Tastendrucks führt man nun die Schlüsselattrappe in das elektronische Zündschloss ein. Selbstverständlich geht die Hand dabei geradeaus ans Armaturenbrett und nicht etwa krumm und kümmerlich an die Seite der Lenksäule. Letztere wird freigegeben mit einem nicht beschreibbaren Geräusch, das sich allerdings gut zu Vertonung bedeutungsträchtiger Funktionen auf Raumschiff Enterprise nutzen ließe. Während nach kurzer Drehung der Motor in aller Ruhe vorglüht (Ich zelebriere diesen Moment immer etwas länger als nötig), hört man leicht gespenstisch, wie sich allerlei Bauteile darauf vorbereiten, die kommende Fahrt so angenehm, wie möglich zu machen. Zuerst nimmt hinten ganz leise die Kraftstoffpumpe ihren Betrieb auf, dann nimmt die Gurtkomfortautomatik die bourgeoise Vorspannung aus dem Sicherheitsgurt, auf dass man ihn gar nicht erst am Körper spüre, und währenddessen überlegt sich die Klimaautomatik, wie sie ihre dutzenden Luftklappen wohl am besten einstellen möchte. Schon bevor sich der schwere Motorklotz beim Anlassen wachrüttelt, spürt man also schon diese heimelige Gewissheit, dass der Wagen bis in den letzten Winkel startklar ist.

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Auch gibt es hier und da ganz hemdsärmelige Momente, die einen diese Geborgenheit spüren lassen. Schaltet man den Wagen aus, wird der Motor per Unterdruckdose abrupt, beinahe schlagartig angehalten, woraufhin die Kurbelwelle ihr letztes Auspendeln spürbar auf den ganzen Wagen überträgt. Aus! Die gleiche Bewegung geht sanfter durch die Karosserie, wenn im seltenen Falle eine oder mehr Türen geöffnet sind, und gerade der Regensensor dem archaischen Wischprügel befiehlt, er solle die Scheibe trockenen. Kurz: Der Scheibenwischermotor ist stark genug, um den 1,65 t schweren Wagen in Bewegung zu bringen. Immerhin den ingeniösen Einarmhubwischer habe ich an meinem Wagen ein wenig ins modern Verrundete modifiziert. Er trägt ein aerodynamisch verkleidetes Wischblatt, was eigentlich für den Opel Insignia vorgesehen ist, aber exakt die richtigen Maße und die gleiche Halterung besitzt, wie das Originalteil, was selbstverständlich auch bei mir im Keller liegt. Das sieht elegant aus und passt zum stark verrundeten Design der restlichen Karosserie.

Vorne die flache Front, die nach der Mopf wesentlich eleganter wurde, mittig me(h)r cedes, als sonstwas und hinten ein kastiges Heck, was durch die schwebende Coupéheckscheibe traumhaft schön entschärft wird und keck mit Abrisskante endet. So paarte sich die geradlinige Eleganz des werten Bruno Sacco mit der progressiven Rundlichkeit von Steve Mattin in der Stilistikabteilung. Auch wenn der 210 sicher kein Musterbeispiel für schwäbische Eleganz ist, ist sein Design immernoch sehr gekonnt, auch wenn man es mögen muss. Persönlich bin ich Freund vieler Werke aus dieser Epoche. Autos, die grundsätzlich sehr groß- und glattflächig sind attraktiv zu gestalten, ist eine hohe Kunst, erst recht, weil es gar nicht nötig war irgendwelche Charakterfalten ins Blechkleid zu bügeln.

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Er ist eben durch und durch ein Mercedes, der sogar noch genug von den ganz klassischen, wertigen Eigenschaften seiner Marke mitbringt. Dabei fährt er sich aber so modern, dass sein Fahrverhalten auch heute nirgends altbacken wirkt. Die Zahnstangenlenkung ist direkt, exakt und obendrein mit variabler Servounterstützung je nach Geschwindigkeit versehen (Parameterlenkung). Das Fahrwerk ist auch im leicht tiefergelegten Avantgarde noch höchst komfortabel, wenn auch nicht übermäßig agil. Zugegebenermaßen, die von mir im Sommer nachgerüstete Mischbereifung (225/45/17; 245/45/17, auf C-Klasse Sport Rad) schenkt zwar noch etwas höhere Seitenführungskräfte, nimmt aber spürbar auch einen Hauch Federungskomfort weg. Mit seinen Originalfelgen und Winterreifen in 215/65/16 ist der Wagen komfortabler, sparsamer und auch optisch ein wenig „seriöser“. Dennoch finde ich die sportliche Optik originaler Designsprache meiner Sommerräder äußerst hübsch.

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Das Einzige, was sich an einem solchen Wagen noch verbessern lässt, ist die Erneuerung seines Zustandes. Tragischerweise beginnen seit wenigen Monaten nun doch trotz Versiegelung meine vorderen Kotflügel leicht zu blühen. Nachdem das repariert werden wird, bekommt auch die linke Schwellerverkleidung neuen Lack, die versehentlich von der von mir weltweit am meisten gemochten Person, die den Wagen mitbenutzt, deutlich ramponiert wurde. Gleiches gilt für die Stoßleisten, die noch immer von ihrem greisen Erstbesitzer zeugen. Es steckt also noch ein wenig Arbeit im am Wagen, bevor ich mir die nötige Poliermaschine leiste, die dann in der Lage ist, den steinharten Mercedeslack endlich mal in einen für akzeptablen Zustand zu bringen.

Der einzige wirkliche Schaden, den ich (auch als Erbe vom Vorbesitzer) beseitigen musste, war ein undichter Stoßdämpfer, samt gebrochener Feder, die auf einen spontan überfahrenen Bordstein zurückzuführen waren. Die Vorderachse hat daher im letzten Jahr komplett neue Gummibuchsen bekommen, neue Federn (übrigens bei MB mit ausstattungsabhängiger Kennlinie zu bestellen) und Stoßdämpfer.

Der einzige Defekt, den der Wagen erleiden musste, war auf Schmutz zurückzuführen. Er wird von mir deshalb nicht dem Wagen zur Last gelegt. Irgendwelche Rückstände aus der Bremsflüssigkeit sind langfristig im Kupplungsnehmerzylinder gestrandet, weshalb dieser sich wohl unbemerkt zeitweise leicht verklemmte und dabei die Kupplung kurz schleifen ließ, da er in diesen Momenten nicht mehr gleich einkuppelte. Bemerkt habe ich es erst, als es zu spät war. Ich hielt es für unbedingt nötig, bergauf auf der Autobahn in den fünften Gang zurückzuschalten, um ein Überholmanöver mit Vollast durchzuführen. Ausgerechnet dabei geschah dieses Problem, weshalb schlagartig 400Nm die Kupplung blankschrubbten und die Druckplatte am Schwungrad blau ausglühen ließ. Der Wagen fuhr aber problemlos weiter und brachte mich sicher nach Hause. Auffällig waren nur ein Kupplungsschleifpunkt, der plötzlich absolut am Ende war, und ein unrunder Motorlauf, verschuldet vom hitzetechnisch verzogenen Schwungrad. Ärgerlich und teuer. Dafür ist die Kupplung jetzt ganz neu, was bei dem Motor nicht schaden kann.

Trotzdem muss man bedenken, dass dieser merkwürdige Einzelfall das Einzige war, was über den normalen Wartungsaufwand eines Kraftfahrzeuges hinausgeht. Heute stehen rund 131.000km auf dem Tacho, beim Kauf im November 2013 waren es 56.000. Das macht 75.000 pannenfreie Kilometer nur mit diesem einen komischen Defekt. Nichts Besonderes, aber ist doch schön! Erst recht für das Seelenheil meines Turboladers, sowie dem der Injektoren, achte ich allerdings auch penibel auf ein einwandfrei gepflegtes Wartungsheft. Die Assystanzeige dient mir dabei als Anzeige für den allerspätesten Zeitpunkt, bevor es zum Mercedes-Benz Fachmann geht. Der Wagen dankt es mit mühelosen Langstreckenverbräuchen von rund 5,8 Litern (bei 170PS und 2,7l Hubraum) und trägt dank nachgerüstetem Partikelfilter auch eine dieser unschönen grünen Plaketten im blauen Glas der Frontscheibe. Ökologisch wertvoll also.

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Trotz aller Seeligkeit darf der Wagen leider kein schonendes Zweitwagendasein führen. Er wird gebraucht und auch genutzt und nur so weit wie möglich geschont. Meine Frau ist Fotografin, da werden auch schon mal abstruse Requisiten im großen Kofferraum mitgeführt, manchmal gar im Innenraum (mit Decken ausgelegt) oder in eigens geliehenen Anhängern. Dabei geht es gelegentlich auch über Stock und Stein durch Wald und Flur, was nicht immer ganz einfach ist, da der ohnehin schon tiefe Avantgarde auch durch den schweren Motor noch ein wenig satter dasteht. Dennoch habe ich den Wagen nie einer unnötigen Gefahr ausgesetzt, und werde es auch in Zukunft nicht tun. Hätte ich die Wahl das Geld, würde ich für diesen Job allerdings zusätzlich einen aktuellen ML/GLE anschaffen. Außerhalb von Fotoeinsätzen dient der Wagen für den Arbeitsweg sowie immer wieder für die knapp 500km lange Strecke nach Nordrhein-Westfalen. Wenn man dabei nicht gerade den oben genannten Verbrauch im Sinne hat, lässt es sich auch mit hohen Tempi prima reisen. Geschwindigkeiten von deutlich über 200km/h lassen sich mühelos halten. Tatsächlich habe ich den Wagen in den knapp zwei Jahren aber noch nie wirklich ausgequetscht. Gerade das Schaltgetriebe macht das Schnellfahren angenehm, da man entspannt Volllastmomente nutzen kann, ohne dass ein Kick-Down eingeleitet wird. Auch hat man einen Gang mehr, wovon die Elastizität durchaus profitiert. Das hohe Drehmoment macht dabei Steigungen kaum noch spürbar und ermöglicht im Stadtverkehr je nach Situation oft, dass man flutschig flott auch im zweiten Gang anfahren kann.

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Glücklicherweise habe ich mir also kein Auto ausgesucht, bei dem man unbedingt einen wachsenden Kilometerstand vermeiden sollte. Bei weiterhin guter Pflege wird mich dieser immer so wundervoll befördern, ganz egal wie weit.

So genieße ich tatsächlich fast jede Fahrt mit diesem prächtigen Wagen.

Gelegentlich treffe ich mich mit meinem besten Freund. Dann sind wir beide speziell gekleidet, weil in Jogginghosen Ledersitze noch kuscheliger wirken, und fahren in besinnlichen Abendstunden ohne Ziel durch die fränkische Landschaft. Jede Blinkerbetätigung, jeder Befehl am Fahrpedal, jeder Gangwechsel wird dabei zum Genuss, sofern niemand Gefühlloses am Steuer sitzt, bei dem jeder Schaltvorgang schnell von ruppigem Schlagen des Antriebsstrang quittiert wird. Dieses Feingefühl an der Pedalerie ist der einzige Preis, den mein loyaler Großwagen für den Erhalt seiner Integrität verlangt. Ich habe ihn schrecklich gern, und so muss er sich auch mit mir in gammeliger Kleidung blicken lassen, wenn wir zur Wagenpflege auf den Waschplatz fahren. Davon abgesehen, versuche ich kurzum, ihn einfach so zu nutzen, wie es seine Ingenieure einst vorgesehen hatten. Nämlich souverän.

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Wenn ich dann, wie heute philosophierend am PC sitze, bin ich doch extrem froh, dass es auch andere Leute gibt, die vergleichbar einen an der Waffel haben wie ich. Mit gezogenem Hut, gleicher Denkweise und einem großen Lob denke ich dabei an die beiden Autoren von 5komma6.mercedes-benz-passion.com. Auch sie sind absolute Fanboys ihrer offensichtlich fabelhaft gepflegten W126er, obwohl sie, wie auch ich im W210, nicht zwingend den 1979 anvisierten Kundenkreis ihrer Staatslimousinen darstellen, schließlich ist keiner von ihnen ein fülliger Bundeskanzler aus Rheinland-Pfalz.

Die angejahrten Großwagen aus Stuttgart gehören fest zum Straßenbild in Deutschland und auf der ganzen Welt. Dadurch wird auch dem Gebrauchtwagenkäufer die Möglichkeit zuteil, an den zahlreichen feinen Ingenieursleistungen teilzuhaben, die in einem jedem Mercedes-Benz (von ganz wenigen Ausnahmen mal abgesehen) stecken. Es bedarf oft nur weniger genauer Blicke, diese Feinheiten auszumachen und sich an ihnen zu erfreuen. Schwierig ist es aber oft, die Faszination mit anderen zu teilen, insbesondere, da man ja gerade ein nicht allzu seltenes Auto noch jeden Tag auf der Straße sehen kann. Erst wer seinen Wagen besonders schätzt, entwickelt eine tiefe Sympathie, die erst dann zu einer Überzeugung wird, wenn ein Fahrzeug derart hochwertig ist, dass bei seinem Fahrer kein Zweifel mehr daran besteht, genau das Richtige zu fahren.

Dann gehört ein Auto zu Familie, bekommt Streicheleinheiten und die Extraportion Pflege. Man Tankt mit liebe, und rennt als Besitzer durch strömenden Regen zum Auto, um es vor dem Unwetter zu schützen, indem man es ins Parkhaus fährt, und auf dem Rückweg wiederum nass wird. Im Gegenzug wird dann aber nicht, wie bei einem Sammlerstück jeder unnütze Kilometer vermieden, sondern vielmehr zelebriert, weil man sich innerlich auf den Tag X freut, an dem man vielleicht mal eine ganze Million davon auf dem Zähler hat. Ein hochwertiges Fahrzeug macht diese Behandlung gerne mit.

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Walter Röhrl soll im Zuge dessen mal gesagt haben: „Man kann ein Auto nicht wie ein menschliches Wesen behandeln – ein Auto braucht Liebe.“

Meiner „Lila Wolke“ (ein Zitat meiner Frau) werde ich demnächst mal wieder ein kleines Geschenk machen.

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5 Kommentare zu “Meine rosarote Brille ist violett! Blick auf meinen W210.

  1. Danke für diese liebevolle Beschreibung eines unterschätzten Autos. Ich fahre seit 2009 ein T-Modell, das mittlerweile bei 320 tkm angekommen ist und in dem ich mich einfach nur wohl fühle – auch wenn das Auto an den unmöglichsten Stellen zu rosten beginnt …

  2. Sehr schön geschrieben. Kann ich mittlerweile total nachvollziehen. Leider wird in der Szene immer nur W210=Rost argumentiert. Was für eine geniales und fortschrittlicher Wagen der W210 eigentlich war und ist, wird alzuoft einfach ignoriert. Ich habe mich auf den zweiten Blick in den W210 verliebt. Da ich mit meinem CLK-Cabrio (A209) nicht im Matsch und Schnee unterwegs sein wollte, machte ich mich vergangenes Jahr auf die Suche nach einem Winterauto. Da ich gleichzeitig ein Gefährt mit mehr Transportkapazität und haben wollte, und meine Freundin öfter den CLK als Zugmaschine für den Pferdeanhänger missbrauchen musste, bin ich auf die Idee gekommen, mir einen günstiges W210 T-Modell zu besorgen. Bin dann auch schnell fündig geworden. Ein gut erhaltener E280 T Avantgarde in Briliantsilber aus dem Jahr 2000 ist es geworden. Was soll ich sagen, ich steige jeden Tag mit eine lächeln ein freue mich über die prächtige Technik und den sensationellen Fahrkomfort. Auch nach 15 Jahren fährt er wie neu.

  3. Ich vermute auf Grund der Fotos mit der Scheinwerferreinigungsanlage, dass Dein W210 auch mit Xenonlicht ausgestattet ist (so wie mein T). Das wäre ihm bei der letzten HU beinahe zum Verhängnis geworden, denn der Prüfer hat (wie ich hinterher gemerkt habe völlig zu Recht) eine mangelhafte Lichtausbeute festgestellt und die neue Plakette verweigert. Nun war guter Rat teuer, denn die Xenonleuchten werden nur komplett geliefert und verbaut, man kann also keine „Ersatzgläser“ (aus Kunststoff) darauf schrauben (das ging nur bis zur Mopf im Juni 1999, bis zu diesem Zeitpunkt gab es noch ScheinwerferGLÄSER). Der Kunststoff war auch der Grund für den Mangel an Licht, die Deckel waren nämlich trübe und rauh geworden.

    Zum Glück habe ich in den Tiefen des Netzes etwas von „Scheinwerfer polieren“ gefunden und dann auch einen Lackierer, der das gemacht hat (inclusive Nachprüfung). Das ist also ein wirklich gangbarer und kostengünstiger Weg, einen 210er vor dem Tod durch Erblinden zu retten.

    Habe ich etwas vergessen? Ja, die Kosten. Der Lackierer hat für seine Arbeit 200 Euro genommen, ein neues Xenon-Licht kostet 965 – EINS!

    Ob man das durch gute Pflege hätte vermeiden können – ich weiß es nicht.

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